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Marburger Presse, 19.10.1948 (Abschrift)

 

Zeilsheim, wie es wirklich ist
Von Hanns L. Jung

Kürzlich verließen als erster Transport  95 jüdische Familien das Verschlepptenlager Zeilsheim, um in Palästina eine neue Heimat zu finden. Anfang 1949 sollen alle Lagerinsassen übergesiedelt sein und das Lager aufgelöst werden.

 

Zeilsheim  – als berüchtigte Hochburg des schwarzen Marktes – ein Begriff. Zeilsheim, das wirkliche Zeilsheim – eine Lagergemeinschaft fleißig für ihre Zukunft arbeitender Menschen – fast unbekannt.

     „Unser Lager ist eines von den vielen und die Geschichte seiner auf- bauenden Wirksamkeit ist der Spiegel der geretteten jüdischen Gemein-schaft in Deutschland“, erzählt der Vorsitzende des Lagerkomitees, Julius Schochow. Im Sommer 1945 versammelten sich hier auf Befehl General Eisenhowers 200 befreite Kz-ler, um ein neues wiedergewonnenes Leben zu beginnen. Diese menschlichen Skelette nunmehr frei von Stacheldraht und dem Radius des Todes entronnen, waren mit Begeisterung und Liebe von der humanitären Welt aufgenommen worden. Diese Geretteten empfingen die Freiheit mit Dankbarkeit und die Obhut mit Freude. Voll Vertrauen und Optimismus bauten sie ihr zeitweiliges Dach. „Die Welt hat aber unsere Hoffnungen nicht erfüllt,“ meint Schochow, das Interesse der Welt für die Befreiten war ähnlich der Liebe einer Kurtisane – leicht und nicht dauerhaft. Nach den Perioden von Gefühlen und Sentimentalitäten „kam das Schlimmste – Gleichgültigkeit. Die Grenzen wurden geschlossen und der Wartesaal stabilisiert. Man mußte das provisorische Gebäude des Lebens fester bauen, eine Organisation errichten und den kulturellen Bestrebungen Ausdruck geben.“

     Von den ursprünglich 200 Kfz-lern wuchs die Lagergemeinschaft auf 3000 Seelen. Im Morgengrauen begegnen wir den Werktätigen, die zu ihren Arbeitsplätzen eilen, wir begegnen spielenden Kindern während der Schul-pausen und alten Leuten, die in die Gotteshäuser zum Gebet gehen. Mit eigenen Händen hat der religiöse Teil der Bevölkerung eine Synagoge aufgebaut und ein rituelles Bad errichtet. Die von Theologen und Intellek-tuellen gegründete Rabbinerschule hat mittlerweile einen solchen Ruf erlangt, daß die jüdischen Siedlungen in den USA, Kanada, Palästina und Nordafrika miteinander rivalisieren, um sie für sich zu gewinnen.

     Gegenüber der Synagoge liegen die Berufsfachschulen des Lager. In den drei Jahren haben 1151 Schüler theoretischen und praktischen Unterricht erhalten. Neben der Ausbildung zu Damen- und Herrenschneidern, Modis-tinnen, Weiszeugnäherinnen, zu Schlossern, Mechanikern, Gießern und Druckern liefen landwirtschaftliche Lehrgänge für die künftigen Bauern Palästinas. Schochow, der uns das arbeitende Zeilsheim mit viel Stolz zeigt, betont mit Nachdruck: „Wissen Sie denn, daß in der Administration und im Schulwesen ca. 300 Personen  arbeiten und daß in den Werkstätten 350 Personen tätig sind? Zusammen mit den Familien sind das 2000 Menschen. 80 Prozent der Lagerbevölkerung leben somit von produktiver Arbeit!“

     Aber auch das kulturelle Leben pulsiert: hunderte im Lager geborene Kinder wurden im Kindergarten erzogen. In der Volksschule erhalten die Schüler Unterricht in Englisch und Hebräisch, während die Mittelschule die älteren Schüler für die Universitäten in Frankfurt und Palästina vorbereitet. Die Schule wurde vom Hessischen Kultusministerium anerkannt. Für die Erwachsenen gibt es eine Volksuniversität, eine Lagerbibliothek mit 3000 Bänden in französischer, englischer und hebräischer Sprache, ein Theater, Kino und Sportklubs. Sogar eine Zeitung wurde gegründet, die 40 000 Juden in Hessen informierte. Die ärztliche Fürsorge ist auf geringem Raum mit vielen medizinischen Institutionen gewährleistet. 120 schwangere Frauen stehen unter dauernder Aufsicht, die Kinderärztin wacht über das Wohl von 400 Kindern, denn Zeilsheim hat in den drei Jahren 613 neu- geborene Bürger hinzubekommen.

     Eineinhalb Kilometer vom Lager entfernt steht ein verwaistes Haus. Vor zwei Jahren versicherte dort der jetzige Premierminister Israels, David Ben Gurion: „Die jetzige Krise wird keine zwei Jahre dauern, und wir werden endlich national selbständig. Dies sage ich Ihnen mit meiner Uhr in der Hand.“ Und er behielt Recht. Der neuerstandene Staat Israel hat für die Zeilsheimer seine Tore weit geöffnet. Alle zwei Wochen verlassen Transporte das Lager, sie bedeuten den Anfang des Endes von Zeilsheim. Das zeitweilige Asyl wird Häuserreihe um Häuserreihe, Straße um Straße freigemacht und die Schlüssel der Häuser den Befreiern mit dem Gefühl tiefster Dankbarkeit zurückgegeben. (Dena).

   

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