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Buch 1:

Aus meinem Leben - 1900 bis 1939

 

Hier zu finden:

  • Jugend in Höchst
  • Jüdische Nachbarn
  • Beim Militär
  • In den Farbwerken
  • In den Breuerwerken
  • Verhaftung
  • Polizeigefängnis Starkestraße
  • In der Zelle
  • "Hochverrat"
  • 14 Tage Verzweiflung

Zu Buch 2: Dachau und die Zeit nach der Befreiung

Jugend in Höchst

[Seite 86ff]

Es gab damals das Dreiklassenwahlrecht. Wahlwürdig war, wer ein gutes oder weniger gutes Einkommen hatte, wer über ein großes Bankkonto verfügte, kurzum, Wohlhabenheit. Diese Bürger hatten auch dadurch mehrere Stimmen bei den Wahlen, je nachdem in welcher Steuerklasse, I, II oder III sie eingeteilt waren. Der Arbeiter hatte dadurch nur eine Stimme, die niedrigste Klasse. Frauen und Soldaten durften nicht wählen, auch in Konkurs gegangene Bürger waren wahlunwürdig. Die Sozialdemokratische Partei war noch klein, aber sie war im Kommen, ebenso die Gewerkschaften. In dieser Zeit, kurz nach der Jahrhundertwende, fällt meine früheste Erinnerung. Mein Vater war Sozialdemokrat und Mitbegründer der Zahlstelle der Gewerkschaft der chemischen Industrie in Höchst. Damals hieß diese Gewerkschaft Fabrikarbeiterverband. Der erste Mai war damals noch kein Kampftag der Arbeiter. Das kleine Häuflein der Sozialisten zog dann hinter roten Fahnen und dem Gesang sozialistischer Lieder wie: „Wohlan wer Recht und Freiheit achtet, zu unserer Fahne steh zuhauf“ oder „Wer schafft das Geld zu Tage, wer hämmert Erz und Stein“ zu den nahegelegenen Wäldchen, selbstverständlich mit Frau und Kindern, um dort mit Gleichgesinnten aus der Umgebung zu feiern und um die Forderungen der Arbeiterschaft zu demonstrieren, für den acht Stundentag, höhere Löhne, für Urlaub, Schutzbestimmungen gegen Unfall im Betrieb, für Krankenversicherung, Abschaffung der Kinderarbeit usw. Für uns Kinder war dieser Tag dann auch ein Feiertag. Wir marschierten im Zug mit bis zu dem ausgewählten Platz, wo es dann auch für uns Kinder bei Zuckerstangen, Wurstschnappen, Sackhüpfen, Eierlaufen usw. ein Feiertag wurde.

Jüdische Nachbarn

[184]

Es gab in meiner Jugend wenige Tage, an denen es außergewöhnlich zuging. Zur Schule ging es dann von 8 - 12 Uhr und nachm. von 2 - 4 Uhr. Mittwoch und Samstag nachm. war schulfrei. Unsere schönste Zeit war die Zeit der Schulferien und davon besonders die Sommerferien. Da hatten wir nur ein Hemd und eine kurze Hose an. Auch meine Schwestern und alle anderen Kinder liefen barfuß bis in den Herbst hinein. Die Kinder die damals Schuhe trugen, die gingen nicht in unsere Volksschule, sondern in Realschule oder Gymnasium, die spielten auch nicht, oder durften nicht mit uns spielen! Wir kamen dann am Abend mit schmutzigen Füßen, zuweilen auch daran lädiert und oft auch mit zerrissenen Hosen nach Hause. Die Mutter wusch uns und müde ging es ins Bett. Wenn die Hose zerrissen war, setzte die Mutter einen Flicken kunstgerecht auf dieselbe und der Schaden war schon behoben. Aber wir (wir, dass war meine Familie), waren gesund, nicht wie es in vielen Familien war, wo Kinder oft hungrig ins Bett gingen weil der Verdienst nicht reichte. Wir wohnten (Randnotiz K.S: 4 Mansardenzimmer und Küche. Es wohnten in dem Haus nur jüdische Familien, Königsteiner Str. Nr. 2.) in einer Mansardenwohnung, hatten viel Platz und die Mutter arbeitete noch im Hause bei den jüdischen Familien als Monatsfrau wie man damals das nannte. Es fiel da auch manches Essen für die Fam. ab (Mazzen) und das kam uns Kindern viel zu Gute. Ich habe mir, soweit ich mich erinnere, damals Gedanken gemacht, dass die Mutter an Samstagen bei den 3-4 jüdischen Familien morgens das Feuer und am Abend das Licht anmachen musste. Damals begriff ich das noch nicht, dass es verschiedene Religionsgemeinschaften gab. So die jüdische, die am Samstag ihren Schabbes, d.h. ihren Sonntag feierte, an dem es verboten war mit Feuer und Licht in Berührung zu kommen, wie es der Talmud vorschrieb. Genau wie die christliche Religion die verbot am Sonntag zu arbeiten, doch das habe ich später besser begriffen als ich älter war. Damals war ich ja nur ein Kind.

Beim Militär

[340]

Im Mai 1918 wurde ich dann auch noch zum Militär eingezogen. Deutschlands letzte Hoffnung, sagte man damals. Mein Jahrgang das waren ja noch Kinder, junge Menschen die zum größten Teil noch in der Lehre waren.

 

Es kamen von diesen nach kurzer Ausbildungszeit auch noch welche an die Front und in die Schützengräben. Aspiranten für ein Massengrab.

 

Ich wurde zu einem Feldartillerie Regiment nach Darmstadt eingezogen. Da in der Kaserne kein Platz für uns Jungen war, wurden wir in einer Fabrik untergebracht. Hier lagen die 4te und 5te Batterie in zwei großen Fabrikräumen. Von hier aus rückten wir zur Ausbildung aus auf das Gelände für das Militär, den Griesheimer Sand.

 

Schon im zweiten Kriegsjahr litten viele Menschen Hunger. Es gab viel Kohlrüben und Dörrgemüse und wenig Fett und Fleisch, auch Kartoffeln waren rar. Als Soldat hatte ich genug zu essen.

In den Farbwerken

[Seiten 469ff]

Ich nahm eine Arbeit in den Farbwerken an und kam in einen Farbenraum in dem ich am ganzen Körper von der Farbe grün wurde. Nach einem Vierteljahr wurde ich hier zum Vertrauensmann gewählt. Ich hatte in dem alten, stinkischen und verdreckten Betrieb, es war ein alter Farbenbetrieb (Patent blau hieß der Betrieb) manche Auseinandersetzung mit dem zuständigen Dr. Franke über Lieferung von Schuhen und Kleidung an die Arbeiter. Laut Tarif standen den Arbeitern diese Sachen zu. Außerdem kämpften wir für eine Waschzeit, da sich ja jeder Arbeiter nach Beendigung der Arbeit jeden Tag baden mußte. Oftmals mußte ich den Betriebsrat zu Hilfe holen um die uns lt. Tarif zustehenden Vergünstigungen zu erhalten. Als dann im Jahre 1921 die Farbwerke die gesamte Fabrik aussperrte wegen Lohnkämpfe, war auch meine Tätigkeit daselbst beendet. Obwohl der Unternehmer keine Maßregelungen vornehmen durfte lt. Schiedsspruch, blieben eine Reihe Arbeiter auf der Strecke, darunter auch ich. Aber es war nicht so schlimm, ich bekam kurz danach wieder Arbeit als Former bei einer Firma in Höchst bei der ich bis zum Jahre 1929 blieb. (Hier wurde ich nach einem Jahr auch in den Betriebsrat gewählt.)

In den Breuerwerken

[741]

Bis zum Jahr 1936 war ich mit wenigen Unterbrechungen arbeitslos. Aber Hitler rüstete zum Krieg und es wurden Fachkräfte gebraucht. So kam ich Anfang 1936 wieder in Arbeit als Former bei meiner alten Firma. Wir stellten Motorengehäuse und Heizkörper für Flugzeuge her, aus Aluminium und Silumin. Die Arbeit machte mir wieder Spaß, da am Wochenende in der Lohntüte doch ein anderer Betrag stand als mit der Wohlfahrtsunterstützung. Ich konnte in diesen Monaten vieles anschaffen was dringend notwendig geworden war. Da ich schon seit 1915 in der Gewerkschaft war, wurde ich, ohne mich zu fragen in die Deutsche Arbeitsfront eingegliedert. Das war meine einzige Zugehörigkeit zu den Nazi. Jedoch auch diese dauerte nicht allzu lange, denn ich wurde am 8. Dezember 1936 aus der Fabrik heraus verhaftet und in das Polizei Gefängnis eingeliefert. 1937 wurde ich dann auf 10 Jahre aus der Arbeitsfront ausgeschlossen.

Von dem Ehren- und Disziplingericht der Deutschen Arbeitsfront erging ein Versäumnisurteil (ich konnte ja da nicht anwesend sein, weil ich im Zuchthaus Freiendiez war), das mich wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu obengenanntem Ausschluß verurteilte. Das war im September 1937.

 

Verhaftung

[776]

Am 8. Dezember 1936, ich saß gerade mit meinen Arbeitskameraden beim Frühstück, morgens um ½ 9 Uhr, da kam der für den Betrieb zuständige Arbeitsfrontmann zu mir und sagte mir, ich solle mich umziehen und zum Pförtner kommen. Ich dachte mir schon, was das zu bedeuten hatte. Erl ieß mich nicht aus den Augen. Ich weiß ja nicht oder ich wußte nicht, was die beim Pförtner wartenden Stapomänner ihm alles erzählt hatten, welcher gefährliche Staatsfeind in ihren Reihen war. Vielleicht hatte er auch Angst, daß ich ihn zusammenschlug und türmen ging. Wer weiß es.

 

Die beiden Stapomänner nahmen mich in Empfang und bedeuteten mir, daß bei jedem Fluchtversuch ohne Anruf von der Schußwaffe Gebrauch gemacht würde. Zuerst aber wollte mich noch der Direktor sehen, was auch in seinem Büro geschah. Er sagte aber nichts zu mir, nur bedachte er mich mit einem vernichtenden Blick.

 

Die Stapomänner brachten mich in das Polizeigefängnis. Bei der Einlieferung wurden wir dann meine Taschen geleert. Alles wurde mir abgenommen. Auch die Hosenträger, dann kam ich in eine Zelle.

 

Wie ich später erfuhr, waren dieser Verhaftungswelle ungefähr 150 - 200 Antifaschisten zum Opfer gefallen.

Polizeigefängnis Starkestraße

[795]

Ich hatte keine Lust zu türmen, konnte es auch nicht und war eigentlich gar nicht so verzweifelt, in dem Gedanken, daß unsere Organisation so gut getarnt ist, daß uns die Stapo nichts, oder nicht viel beweisen konnte. Es sollte jedoch anders kommen. Nun wurde ich in die Zelle gebracht und ich hatte Zeit über meine Lage nachzudenken. Das Gefängnis war ein alter Bau, düster und öd. Ich kam in die Zelle 55. Es war ein halbdunkles Gemach mit einem Fenster fast an der Decke der Stirnseite. Das Fenster war so hoch, daß man es nur mit einer Stange die daran befestigt war, öffnen konnte. Außerhalb des Fensters war ein schräges Blech befestigt und so sah man nur ein Stückchen vom Himmel.

 

An der einen Längsseite war auf dem Boden eine Holzpritsche zum hochklappen und darauf ein Strohsack. Zum Zudecken eine Kolter, wie sie beim Militär üblich sind. In dem Strohsack war aber nur Häcksel. Wer weiß wieviel Gefangene schon darauf geschlafen hatten. In einer Ecke stand ein Kübel mit Deckel, der aber nicht abschloß, sodaß die Luft in der Zelle dementsprechend war. Ich hatte deswegen Tag und Nacht das Fenster offen, denn in der Zelle war es warm. An der anderen Seite war ein Brett zum Herunterklappen angebracht, das war der Tisch und etwas tiefer ein ebensolches, nur etwas schmäler zum Sitzen. Bett, Tisch und Stuhl mußten hochgeklappt sein wenn ich in der Zelle hin und her gehen wollte. Ein kleines Regal mit der Waschschüssel und Wasserkanne vervollständigten die ganze Einrichtung.

 

Ich hatte hier in der Zelle einen Bleistiftstummel, den ich in dem Umschlag meiner Hose hatte. Nach ein paar Tagen meiner Haft bekam ich auch einen Brief von Zuhause. Den Umschlag benutzte ich innen um aufzuschreiben was ich erlebte, das führte ich auch weiter in der U.Haft und auch als Strafgefangener. Die Briefe von Zuhause kamen zu meinen Effekten und dann in die Hausvaterei.

 

Da die Briefe ja schon beim Eintreffen in die Anstalt einer Zensur unterworfen wurden, wurden sie von den Beamten der Hausvaterei nicht mehr kontrolliert. Alle Sachen die ich bei meiner Einlieferung bei mir hatte und alles was in meiner Haftzeit dazu kam wurde in der Hausvaterei gut aufbewahrt, hatte daselbst seinen Platz und seine Nr.. Man nannte diese Sachen Effekten. Alle Briefe, Schriftstücke udgl. durfte der Gefangene nur, ich weiß nicht mehr genau, 14 Tage oder 3 Wochen behalten, dann mußte er sie abgeben.

 

So kam auch meine Anklageschrift nachdem ich verurteilt war auf diesem weg zu meinen Effekten. Ich glaube, daß das aber ein Beamter tat der nicht genau Bescheid wußte oder es tat ein Beamter absichtlich. Wie ich später erfuhr, wurden diese Anklageschriften nach der Verurteilung gleich von der Stapo eingezogen und dann vernichtet. Es stand ja auf der Anklageschrift „Vertraulich Hochverrat!“

 

Wie dem auch sei, ich habe meine Anklageschrift im Original noch heute, wahrscheinlich auch durch Zufall. Nach Verbüßung meiner Strafe wurde meiner Frau ohne besondere Kontrolle mein Koffer mit meinen alten Sachen und auch alle Effekten bei dem Kleider und Wäschewechsel von der Gefängnisverwaltung ausgehändigt. Sie sind mir heute, nach so vielen Jahren eine wertvolle Hilfe und Gedächtnisstütze.

In der Zelle

[841]

Der Tagesablauf hier im Polizeigefängnis war folgendermaßen: Um 6 Uhr morgend aufstehen, anziehen, dann das Bett hochklappen, d.h die Pritsche, dann waschen und warten auf das aufschließen zum Kübel entleeren. Das mußte im Laufschritt geschehen. Ebenso anschließend die Kanne mit Wasser füllen. Um 6.45 Uhr kommt der Kaffee, oder besser gesagt „Ersatz“, eine warme braune Brühe und ein Stück Brot. Dann gehe ich in der Zelle auf und ab bis um 11.30, wenn dann das Essen kommt.. Nach dem Essen holt der Kalfaktor die Schüssel und den Löffel und das Auf- und Abgehen geht wieder los. Oder ich setze mich mal auf den Stuhl und mache mir Gedanken. Um 3 Uhr gibt es frisches Wasser und um 5 Uhr das Nachtessen. Brot, Kaffee und etwas Wurst oder Käse oder einen Eßlöffel Marmelade. Eine Srunde später wird das Licht ausgemacht. Du machst das Bett herunter und versuchst zu schlafen. Der Tag ist zu Ende. Soweit meine Aufzeichnung, es war meine Erste, auf der Innenseite eines Briefumschlages.

 

Unter menschenunwürdigen Bedingungen verbrachte ich diese Tage in der trüben, halbdunklen Zelle, keine Beschäftigung, nichts zum Lesen, kein Spaziergang an der frischen Luft und wie langsam vergingen die Stunden, dazu die quälende Unsicherheit was wird werden. Das Essen war auch nichts, meistens Eintopf, ich aß ganz wenig, konnte mich nicht an den Fraß gewöhnen. Aber das war alles Taktik der Stapo, um den Gefangenen mürbe zu machen, um ihn zu Aussagen dann leichter zu gewinnen. Wenn das dann noch nicht viel half, dann wurde eine härtere Tour angewandt. So hat damals schon mancher im Polizeigefängnis durchgedreht ehe es zur Verurteilung kam. Die härtere Tour wurde am Abend durchgeführt wann die Justizbeamten Dienstschluß hatten und nicht mehr im Hause waren. Bei solchen Vernehmungen am Abend waren zwei SS Leute in Uniform dabei. Man hörte die Schreie der Geschlagenen durch das ganze Haus.

 

Eines Morgens hörte ich beim Aufschließen der Zellen neben mir ungewohnte Geräusche und Laute anderer Art. Mit hin und herrennen, leichtes Gerassel mit Eimer aus dem zu entnehmen war, daß in der Zelle etwas geschehen war. Später erfuhr ich vom Kalfaktor beim Wasser holen, daß sich der Gefangene, wer weiß mit was, die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Er wurde weggebracht, man ging zur Tagesordnung über. So vergingen die Tage und Wochen in dieser Einsamkeit und Ungewissheit. Kurz vor Weihnachten wurde ich einmal zum Verhör geholt, es wurde mir eröffnet, welches Verbrechen man mir anlastet.

"Hochverrat"

[874]

Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens zum Schaden des deutschen Volkes, in Verbindung mit bereits verhafteten und zum Teil verurteilten Komplizen.

 

Unter dem 23. Dezember schrieb ich damals auf:

Komme soeben vom Verhör. Nun weiß ich, wessen oder was man mich beschuldigt. Ich habe aber keine Bange, denn damit habe ich nichts zu tun. Das war ja Galgenhumor, was ich da schrieb, denn ich wußte ja zur Genüge um unsere illegale Arbeit. Ich erkannte auch, daß die Stapo über vieles unterrichtet war, sei es durch Spitzel, oder durch Vernehmungen und Geständnisse schon vor längerer Zeit verhafteter Genossen. Über verschiedene illegale Treffs mit Übergabe von Geld und illegales Material war die Stapo gut unterrichtet. Auch über Namen und Funktion einzelner wußte die Stapo Bescheid. Es war vieles verraten durch den Druck der Stapo. Ich leugnete jegliche Tätigkeit (illegale), auch jegliches Wissen. Jetzt mußte ich erst einmal wissen, was bzw. in wie weit war die Stapo informiert. Was wußte sie von uns. Mit Anbrüllen und Androhen von Schlägen wurde ich dann wieder in meine Zelle gebracht. Aber aus den Vorhaltungen der Stapo erkannte ich, daß ich doch stark belastet war und erkannte auch, daß ich mit Entzug der Freiheit auf Jahre rechnen mußte. Ebenso meine mit mir verhafteten Kameraden.

 

In der Zelle kam ich auch nicht zur Ruhe, immer die Gedanken und Grübeln. Unter dem 24. Dezember schrieb ich: Ich durfte heute einen Brief schreiben. Zu essen gab es heute, am heiligen Abend Graupensuppe mit Kartoffeln zusammengekocht. Habe nur einen Teil davon gegessen. Brachte es nicht hinunter. Weihnachten und Neujahr sind vorrüber, schrieb ich unter dem 3. Januar 1937. Langweilige Tage. Nun bin ich fast 4 Wochen hier eingesperrt, ohne was zu tun, ohne etwas zum Lesen, wie ein Tier hinter Gittern in der Zelle hin und her. Stunden, Tage, Wochen. Wenn ich mich am Tage hinsetze und schlafe, dann kann ich des Nachts nicht schlafen und das Wachsein in der Nacht ist noch schlimmer. Die Gedanken lassen sich nicht bannen, immer wieder, obwohl ich es nicht will, fängt das Grübeln an. Weiter schrieb ich in den folgenden Tagen (ich hatte verschiedene Briefe von zu Hause bekommen). Heute war ich in der Abteilung in der Fingerabdrücke von mir gemacht wurden. Auch eine Fotografie von 3 Seiten wurde von mir gemacht.

 

Damit kam ich in die Verbrecher Kartei.

14 Tage der Verzweiflung

[904]

20. Januar [1937mg] ist heute. Meine Tagebuchaufzeichnung lautet:

 

14 Tage der Verzweiflung liegen hinter mir, ich war nicht in der Lage, auch nur ein Wort zu schreiben. Ich habe Vernehmungen gehabt, an verschiedenen Abenden mit Stapo-Mann und zwei SS Leuten. Diese Vernehmungen sind nun zum größten Teil abgeschlossen. Es waren furchtbare Tage für mich. Ich glaubte der Himmel würde einstürzen, konnte oft keinen klaren Gedanken fassen, hatte keine Ruhe bei Tag und Nacht, aß nichts, hatte keinen Hunger, keinen Appetit. Innerlich zerrissen und enttäuscht. Dazu das Bewußtsein auf Jahre hinter Gitter verbringen zu müssen. Quälende Gedanken die nicht wegzudenken waren. Die körperlichen Schmerzen von den Schlägen der SS Leute bei den Vernehmungen nahm ich fast nicht war. Auch der Verlust meiner Brille, welche bei den Vernehmungen zerschlagen wurde, war nicht so depremierend als diese quälenden Gedanken und die innere Zerissenheit, die seelischen Schmerzen.

 

Aber die Zeit heilt Wunden.

Kontakt

Mario Gesiarz

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